Interview Spielearchiv 2025

„Du bist das eigentliche Ziel, warum ich spiele“

Das Bayerische Spiele-Archiv Haar e.V. umfasst ca. 20.000 Spiele, die auf unglaubliche 1000 Meter Regallänge ihre Heimat gefunden haben. Das Archiv hat 600-800 Neuzugänge pro Jahr und verfügt über die größte Fachbibliothek der Welt rund um Spiele.

Erfinder und Kopf des Ganzen: Dr. Tom Werneck. Der 86-Jährige ist Jurist, eine lebende Legende der Spieleszene und Mitbegründer des Kritikerpreises „Spiel des Jahres“. Seit kurzem ist er auch Doktor der Geisteswissenschaft. Inhalt der Doktorarbeit: Natürlich das Brettspiel. Im Gespräch mit dem „Haarer“ schildert er uns seine Motivation, zeigt uns seine riesige Sammlung, weist auf den Haarer Spieleabend hin und erzählt begeistert, warum Spielen viel mehr ist als nur Zeitvertreib.

Frage: Also zunächst gratulieren wir von Herzem zu deinem Doktortitel. Wie fühlt es sich an, der wohl bundesweit einzige „Doktor der Brettspielwissenschaft“ zu sein?

Tom Werneck: Vielen Dank. Ja, es ist natürlich ein Alleinstellungsmerkmal und das ist sehr spannend. Langsam erkennt man, dass die Forschung sich nicht auf Einzelthemen fokussieren muss, wie zum Beispiel nur Pädagogik für Vierjährige oder irgend sowas, also diese reinen Spezialisierungen, die sehr häufig sind.

Umfassend, generalisierend gibt es fast gar nichts.

Die letzten großen Werke, die waren von 1936, also schon sehr, sehr lange her. Und neuere Forschung gibt es eben kaum.

Frage: Warum hast du mit über 80 Jahren eine Doktorarbeit angefangen? Was treibt dich da an?

Werneck: Ganz einfach – ich wollte aufschreiben, warum gerade aus einem dümpelnden und nicht sehr interessanten Spielegeschehen irgendwann einmal solche Impulse kamen, die Deutschland zu dem wichtigsten und bedeutendsten Land für Spiele der Welt gemacht haben.

Wenn ich das als Buch gemacht hätte, dann hätte der Verlag gesagt, oh, sehr schön, großartige Idee, 8000 Euro Eigenbeteiligung und wir drucken das. Das heißt, ich zahle das Risiko des Verlages. Oder ich mache ein Book on Demand, also selber sprinten.

Und wenn ich etwas so schreiben will, dass es wissenschaftlich verfügbar ist und in die Unibibliotheken kommt und in die Staatsbibliothek, dann muss ich halt in Gottes Namen eine Dissertation schreiben. Und nachdem ich über 40 Bücher geschrieben habe, war es schon ziemlich wurscht, ob ich jetzt ein Buch schreibe oder eine Dissertation. Das war der Antrieb.

Frage: Was ist das offiziell für ein Doktor, ein Doktor der Kulturwissenschaft?

Werneck: Nein, Dr. Phil.

Frage: Du bist eigentlich Jurist – und es heißt ja immer: Juristen können eh alles.

Werneck: Aber das ist ja schon ein halbes Jahrhundert her. Vor einem halben Jahrhundert war wissenschaftliches Arbeiten noch sehr viel schlichter.


Die Anforderungen sind irrsinnig gestiegen, die Recherchemöglichkeiten haben sich von Grund auf verändert. Als ich Examen gemacht habe, da ahnte man noch nicht einmal, dass es irgendwann etwas wie das Internet je geben würde. Und die Recherchemöglichkeiten hat es nicht gegeben und alles, was heute selbstverständlich ist, war noch nicht da. Ich musste das alles lernen. Ich musste lernen, nach neuen Methoden wissenschaftlich zu arbeiten.

Frage: hast du ein absolutes Lieblingsspiel?

Werneck: Ich habe das deshalb nicht, weil ich im Jahr 600 bis 800 Spiele neu auf den Schreibtisch kriege.

Und ein Lieblingsspiel spielt man halt immer und immer und immer wieder. Also es gibt ein paar Spiele, die ich gerne mit meiner Frau spiele, weil es so easy ist, wie zum Beispiel Rummikub oder „Heckmeck am Bratwurm-Eck“.

Backgammon mag ich gern. Das ist ein schönes, tückisches Spiel. Und ja, das macht Spaß.

Frage: Wie kommt man auf die Idee, eine Spielesammlung in dieser Form ins Leben zu rufen?

Werneck: Es ist eigentlich als Idee gewachsen und war nicht eine einzelne Entscheidung. Als ich früher als Spielekritiker arbeitete, zu Beginn der 70er Jahre, bekam ich die Spiele zugeschickt. Und diese Spiele schmeißt man nicht weg, sondern man hebt sie auf. Und es werden immer mehr und mehr und mehr und mehr. Und irgendwann stehen sie zu Hause unter dem Bett und auf dem Schrank und hinter den Vorhängen.

Und irgendwann hat mich meine Frau vor die Entscheidung gestellt: Die Spiele oder ich, aber eins geht aus dem Haus.

Und da habe ich einen Weg gefunden, beides zu behalten (lacht). Das, was schon da war, diente als Basis. Mittlerweile ist es eine der größten Sammlungen der Welt.

Frage: Wann hat das offiziell als Spielarchiv angefangen?

Werneck: Das war 1996. Da haben wir es als Verein gegründet. Die Sammlung habe ich als Fundus eingebracht. Denn der Verein als solcher sind ja nur ein paar Leute, aber da ist noch kein Material da.

Frage: Wie können die Haarer von der Spielesammlung profitieren? Kann man sich Spiele ausleihen?

Werneck: Nein, es ist ein Archiv. Wenn Sachen hier ausgeliehen werden, dann kommen sie zerfleddert oder beschädigt oder abgenutzt zurück. Das wäre zu schade.

Und das wäre nicht im Sinne des Erhalts der Spiele für die Nachwelt. Und das ist ja eins unserer Ziele. Also ausleihen kann man sie nicht, aber man kann natürlich die Dubletten, die wir haben, am Haarer Spieleabend alle ausprobieren. Da stehen immer 200 Spiele, aktuelle, interessante Spiele zur Verfügung. Und wer spielen will, soll dahin gehen: zweimal im Monat kostenlos. Jeder ist willkommen. Man muss sich nicht einschreiben, muss keine Namen hinterlassen, kommt zum Spielen und fertig.

Frage: Wie oft hat der Spieleabend schon stattgefunden?

Werneck: Über 700-mal hat es den Haarer Spieleabend gegeben. Wir haben in den 1900er Jahren angefangen. Er findet alle 14 Tage statt, immer am 2. und 4. Dienstag im Monat, immer.

Interessanterweise fällt im Dezember der 2. Dienstag manchmal auf Weihnachten. Du musst nicht meinen, dass es da leer ist. Da kommen die Singles. Die spielen begeistert. Sie sind froh, dass sie eine Gemeinschaft haben, und wir freuen uns über die Begeisterung.

Zum Spieleabend kommen manche Leute ganz regelmäßig. Andere kommen normal, schnuppern rein und gehen wieder und kommen, wenn sie Zeit und Lust haben. Denn das Unkomplizierte ist, dass man sich nicht verpflichten muss.


Frage: Wo findest das statt?

Werneck: Im Bürgerhaus, über dem Gasthaus zur Post, im ersten Stock, Seiteneingang.

Und man sollte natürlich um 19 Uhr da sein. Denn niemand will um Viertel nach Acht die Partie abbrechen, weil jemand neu dazu kommt. Aber wer um 19 Uhr da ist, zu dem heißt es: Komm, setz dich her, wir brauchen noch einen. Und bevor der schaut, ist er schon mitten im Spiel.

Frage: Wie wählst du neue Spiele aus? Steckt dahinter ein kuratorisches Konzept oder eher auch Gefühl und Erfahrung? Also auswählen, um sie hier in die Sammlung aufzunehmen.

Werneck: Wir nehmen alles auf. Wir nehmen einfach alles auf, weil es ein Archiv ist. Das bedeutet, wenn man hier durchgeht, sieht man zum Teil dieselbe Schachtel drei, vier, fünf Mal.

Man meint, hier sind einfache Doubletten. Oh nein! Da sind Unterschiede. Zum Beispiel, auf einer Schachtel ist das Signet von Spiel des Jahres drauf, auf der anderen Schachtel nicht.

Das ist ein Unterschied. Oder in der zweiten Auflage wurde das Material verändert. Jetzt nicht mehr Plastik, sondern Holz. Oder die Spielregel wurde angepasst, weil ein Fehler drin war.

Jede Variante wird aufgehoben, weil sie der wissenschaftlichen Forschung verfügbar sein muss. Also, was veröffentlicht wird und was wir erhalten  können, kommt hier rein.

Frage: Aber an alle Spiele kommt ihr nicht, oder?

Werneck: Leider bekommen wir aber nicht alles. Es gibt ja keine Meldepflicht für Spiele, wie es bei Büchern ist. Wenn ein neues Buch rauskommt, fordert die Deutsche Nationalbibliothek – und zwar per Gesetz, staatlicher Sammelauftrag – dass zwei Exemplare abgeliefert werden.

Das ist eine staatlich verordnete Sammelpflicht, um der Nachwelt eben das zu dokumentieren und zu erhalten. Die haben wir nicht. Es gibt bei Spielen sehr kleine Verlage, die machen Auflage von nur 100 Stück.

Denen tut es natürlich bitter weh, wenn sie Dinge verschenken müssen. Und wir haben natürlich keine Mittel, die Sachen zu kaufen. Also haben wir leider Lücken.

Wir haben natürlich auch Löcher in der Vergangenheit. Denn anders als die Nationalbibliothek, die 1913 angefangen hat, sammeln wir hier ohne diese Schutzvorschrift. Und wenn wir jetzt versuchen würden, in die Vergangenheit so weit zurückzureichen wie nur die Nationalbibliothek, bis zum Beginn der industriellen Produktion um 1850, dann kriegen wir viele Sachen überhaupt nicht mehr. Sie existieren gar nicht mehr und wir haben in sehr vielen Fällen nicht einmal das Wissen, dass das Spiel mal existiert hat.

Das heißt, die Vergangenheit mit Büchern ist zu rekonstruieren, die mit Spielen ist weitgehend nicht mehr zu rekonstruieren.

Wir haben natürlich hier auch ein entscheidendes Problem: Platz, Platz, Platz. Wir brauchen sehr viel mehr Raum. Wir platzen aus allen Nähten. Bei 600, manchmal auch 800 oder 1000 Spielen pro Jahr, ist es ein unglaubliches Problem, alle unterzubringen. Wir haben ja drei Standorte hier in Haar, aber wir liegen natürlich dem Bürgermeister auf der Seele und sagen, wir brauchen mehr Platz. Also das ist unser Kernproblem.

Und ansonsten, wir sammeln einfach alles, was wir kriegen können. Neben den Industrieprodukten kommen immer wieder Leute und sagen: Da haben wir ein ganz altes Spiel, wir wissen nicht mehr, ob es komplett ist, im Speicher. Wollt ihr es haben? Natürlich wollen wir es haben. Auch wenn es nicht komplett ist oder auch wenn es zerfleddert ist. Weil besser ein Spiel von 1922 zu haben, das zerfleddert ist, als es nicht zu haben. Dann kann man es wenigstens anschauen.

Frage: Und wie kriegst du mit, wenn jetzt der Verlag zum Beispiel sagt, da haben wir jetzt einen Fehler in der Spielregel gehabt?

Werneck: Das kriegen wir mit. Es gibt Fachpublikationen, es gibt Kollegen, die da mit Argusaugen drüber gehen. Das wissen wir ganz schnell. Das ist ja eine Community, die ganz eng zusammenarbeitet.

Frage: Spiele verbinden Generationen. Welche Rolle spielt die soziale Komponente bei deiner Arbeit und was erlebst du dabei ganz persönlich?

Werneck: Ich erlebe eigentlich was ganz Simples. Das Spiel ist ein Medium, das wir beide zwischen uns legen, aber eigentlich will ich nicht das Spiel spielen. Ich will etwas mit dir spielen. Du bist das eigentliche Ziel, warum ich am Spieltisch sitze.

Sonst kann ich mich mit dem Computer beschäftigen oder ein einzelnes Spiel spielen. Das ist langweilig. Aber wenn ich mit dir etwas spiele, dann nehme ich das Spiel nur zwischen uns als Kommunikationsmedium.

Und damit sind wir genau an der Stelle, dass die soziale Komponente die eigentlich entscheidende ist. Dann bist du auch plötzlich in der Situation, dass Großeltern mit Enkeln spielen oder Freunde untereinander und dass es gar keine Rolle mehr spielt, weil es eben für alle geeignet ist.

Frage: Also wenn wir zuhause „Mensch ärgere dich nicht“ spielen, dann vermisse ich die soziale Komponente zeitweise.


Werneck: Mensch, ärgere dich nicht. Weißt du, was das ist? Der Spiegel der Religion. Das kommt aus Indien, ursprünglich, 15. Jahrhundert, das ist nachgewiesen.

Und das gibt es in vielen, vielen Palastgärten im Garten drin. Da sind die Felder angelegt oder eingeritzt vor Tempeln im Boden, wo die Bettler saßen und gespielt haben. Du trittst ins Leben ein, gehst ein Stück und stirbst. Du kriegst eine neue Chance, kommst weiter, stirbst, gehst zurück, geht immer weiter. Irgendwann ziehst du ein ins Nirvana, aus dem du nie wieder vertrieben werden kannst. Reinkarnation.

Weil alles, was Menschen tun, irgendwann im Spiel gespiegelt wird. Alles.

Das bedeutet auch, dass wir hier kein Thema haben, das wir nicht im Spiel finden. Die Gemeinde hat vor kurzer Zeit uns angerufen und gesagt, wir machen da jetzt gerade eine Umweltausstellung.

Fledermaus ist das Thema.

Könnt ihr vielleicht… Ich kam mit sieben Kisten an, fünf habe ich wieder mitgenommen, ich habe nur zwei Vitrinen gehabt. Ich habe eine Vitrine gemacht, nur Fledermäuse und Vampire von oben bis unten.

Und eine andere Ausstellung zu Umweltschutz. Das waren die beiden Themen von denen. Sag was und ich bestücke eine Ausstellung. Wenn es so geht, der Jagdverband, da machen wir was mit Reh und Has und Igel.

Wir können jedes Thema bestücken, weil der Mensch nichts tut, was er nicht im Spiel spiegelt. Das ist ja das Tolle.

Das ist kein Thema. Wir haben jetzt gerade eine Ausstellung, 200 Jahre Spiel in Dachau. Da kamen die und haben sich hier Leihgaben geholt. Und zwar nicht zu knapp. Weil die müssen sich irgendwie bestücken. Dann bestücken wir eben mit Museen. Es geht ja alles. Wir haben das Material.

Frage: Gab es ein Spiel oder ein Moment, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist? Sei es wegen des Spiels selbst oder wegen der Menschen, die damit gespielt haben?

Werneck: Da gibt es natürlich sehr, sehr viele Geschichten. Also die Katastrophengeschichte von einem Spiel das ich selber entwickelt habe. Es ging um eine Burg mit Angreifern und Verteidigern. Ich hatte nicht gemerkt, dass immer der Angreifer gewonnen hatte. Und das wurde produziert und dann gab es furchtbare Beschwerden. Dann habe ich es geändert und habe nicht gemerkt, dass jetzt immer der Verteidiger gewonnen hat, weil wir es nicht getestet haben.

Ich hatte die Erfahrung am Anfang noch nicht, dass man Spiele sehr sorgsam testen muss. Das war alles in 70er Jahren noch Neuland. Das ist mittlerweile selbstverständlich und wird auch sehr gründlich gehandhabt.

Frage: Viele denken bei Spielen vor allem an Kinder. Wie sprichst du bewusst auch Jugendliche, Erwachsene oder Senioren an?

Werneck: Ich war mit sehr stark beteiligt an der Gründung eines Preises „Jung und Alt spielt“, der genau solche Spiele auswählt, die besonders geeignet sind.

Die Zeiten, wo man Spiele einfach nur dem Kind zugeschrieben hat, die sind vorbei. Das Hauptklientel von Spielekäufern sind heute Erwachsene und nicht nur in Deutschland, sondern mittlerweile weltweit.

Frage: Was würdest du dir wünschen, um die Zukunft der Spielesammlung zu sichern und weiterzuentwickeln?

Werneck: Platz. Zweitens Platz und drittens Platz. Also genau in der Reihenfolge. Wir haben Leute, die so begeistert sind und mit einer solchen unglaublichen, beglückenden Freude an diesem Archiv arbeiten. Das Einzige, was denen fehlt, ist Platz. Wir könnten aus diesem Archiv noch ganz andere Sachen machen. Zum Beispiel entwickeln bis hin zu einer Fachhochschule.

Denn es werden zunehmend in unserer Gesellschaft Leute gebraucht, die Spieleausbildungen haben. Als Lehrer, als Animateure, als Pädagogen. Es gibt unendlich viele Themen, als Therapeuten, wie auch immer, wo Spieleausbildung da sein müsste.

Wir haben keine einzige Institution. Wir haben über 50 Universitäten, die die Leute ausbilden im Programmieren von elektronischen Spielen. Und wir haben null Universitäten, die die Leute ausbilden in analogen Spielen.

Da ist der Bedarf da. Wir könnten das leisten, wir haben die Kompetenz, wir haben das Material, wir haben das Wissen, wir haben die Bücher, wir haben alles. Aber wir haben keinen Platz.

Frage: Machst Du Dir Sorgen, dass die Brettspiele verschwinden, wenn die junge Generation nur noch am Computer spielt?

Werneck: Die Erfahrung zeigt, dass es anders ist. Ich habe Zahlen dazu. Wie wir das Spiel des Jahres konfiguriert haben, wie wir es gestartet haben, 1979 hat die gesamte Branche 22 Millionen Mark umgesetzt. Das sind also ungefähr 10 Millionen Euro.

Heute setzt die Branche 750 Millionen um. Dreiviertel Milliarde. Das ist eine gewaltige Steigerung in dieser Zeit und es zeigt, die Leute spielen. Denn du kannst die 750 Millionen durch einen Durchschnittspreis von 25 Euro teilen, dann hast du 30 Millionen Schachteln, die jedes Jahr über den Spieltisch gehen oder den Verkaufstisch.

30 Millionen Schachteln! Das würde man nicht denken, bei der ganzen Digitalisierung und Games und auch im Internet. Dann schau mal die jungen Leute an, die alle nur da sitzen, aber begeistert spielen.

Auch Brettspiele.

Du siehst sie natürlich im Bus, in der Tram, immer mit ihren Mobilgerätebn. Du siehst sie aber nicht, wenn sie beieinander hocken und spielen.

Frage: Ganz persönlich, Tom, was bedeutet Spielen für dich ganz persönlich und was möchtest du den Menschen in der Region durch deine Arbeit mitgeben?

Werneck: Also was es für mich persönlich bedeutet. Entdecken.

Immer wieder konfrontieren mich Spiele mit irgendetwas, womit ich noch nie zu tun hatte. Geschichte, da muss ich doch irgendwann mal nachlesen, wer war denn dieser Tutanchamun? Oder Mathematik, Topologik, hey hallo, was ist Topologik, was ist Topologie?

Jetzt muss ich mal einfach nachlesen und mich mit dieser Wissenschaftsrichtung der Mathematik vertraut machen, damit ich das Spiel verstehe oder? Also ich entdecke ununterbrochen irgendwelche interessanten Sachen. Und das ist schon mal sehr sehr aufregend.

Frage: Der zweite Teil der Frage war, was möchtest du den Menschen in der Region durch deine Arbeit mitgeben?

Werneck: Ich gebe es ja bereits mit. Wir eröffnen die Möglichkeit, Spiele kennenzulernen und zwar kostenlos. Rowohlt hat gesagt, der Erfolg der meisten Bücher ist darin begründet, dass sie erst gekauft und dann gelesen werden.

Hier kann man die Spiele erst ausprobieren und dann kaufen. Wenn es dir Spaß macht, kannst du es kaufen. Wenn nicht, dann sagst du, es war schön, es kennengelernt zu haben.

Und noch eine Bitte an die Leser: Wenn ihr alte Spiele habt, nicht wegschmeißen, hierher. Wir nehmen sie mit Begeisterung, gerade alte Sachen.

Und da kommt immer wieder einfach einer und sagt, ich traue mich gar nicht mehr, das ist so kaputt, wollt ihr es haben? Natürlich wollen wir es haben. Und da kommen diese ganzen wunderbaren Sachen, die wir halt auch anders nicht kriegen.

Frage: Sag noch mal bitte kurz die Zahl, wie viele hast du hier jetzt insgesamt?

Werneck: Also erfasst haben wir 17.700 Spiele. Und jetzt haben wir noch ein paar Tausend vor uns. Nur hier in der Casinostraße haben wir einen Kilometer Regallänge. jeweils 40 bis 50 Zentimeter hoch gestapelt. Zum Teil in zwei Reihen. 

Frage zum Abschluss: Was hast Du hier für ein altes Spiel?

Werneck: Das afrikanische Bohnenspiel ist deshalb so interessant, weil es anders ist als unsere Spiele. Bei uns ist es immer, alle haben die gleiche Fläche, aber du hast die rote Mannschaft  und ich die blaue.

Hier ist das mein Land, das ist dein Land. Aber die Figuren wandern rum und die gehören mal dir und mal mir. Das ist eine völlig andere Denkweise, die Europäern völlig fremd ist.

Und das Ding ist weit über 1000 Jahre alt. Es heißt Kalaha.

Fakten zum Haarer Spielearchiv:

www.spiele-archiv.de

Knapp 20.000 Spiele

1 km Regallänge

Darauf gestapelt 4 bis 10 Spiele

600 bis 800 Neuzugänge jährlich

Größte Fachbibliothek der Welt rund um Spiele

1996 als Verein gegründet